Was bedeutet es ganz konkret für Kinder, in einem lesefernen Elternhaus aufzuwachsen? - Ein Kind spielt alleine mit seinem Smartphone
Symbolbild >> erstellt mit der Unterstützung einer Bild-KI

Was bedeutet es ganz konkret für Kinder, in einem lesefernen Elternhaus aufzuwachsen?

Wie kann Leseförderung Kinder erreichen, die zu Hause ohne Bü-
cher aufwachsen? Mit welcher Haltung lassen sich Maßnahmen entwickeln, die ihren schwierigen Startbedingungen gezielt etwas entgegensetzen?

Auszüge aus dem Interview mit der Leseförderin und Autorin Heidemarie Brosche:

Frau Brosche, was bedeutet es ganz konkret für Kinder, in einem lesefernen Elternhaus aufzuwachsen?

Zunächst einmal ist es mir wichtig zu betonen, dass ich „lesefern“ nicht abwertend oder diskriminierend ver-standen wissen möchte. Das Wort dient hier einfach als Bezeichnung für Elternhäuser, in denen Lesen keinen hohen Stellenwert genießt. Ganz konkret bedeutet dies, dass Eltern, die selbst oft bildungs- und lesefern auf-
gewachsen sind, nicht gerne und/oder nicht besonders gut lesen. Möglicherweise sind sie sogar primäre oder funktionale Analphabeten, sprich: sie können überhaupt nicht oder nur sehrschlecht lesen und schreiben.

Natürlich wird auch nicht vorgelesen

Wenn die Eltern selbst nicht lesen, gibt es natürlich auch keinen Lesestoff in Form v Zeitschriften, Zeitungen oder Büchern. Das bedeutet wiederum, dass die Eltern nicht als Lesevorbilder erlebt werden. Kinder, die so aufwachsen, bekommen von klein auf keine Knister-, Greif- oder Pappbilderbücher und später keine Bilder-
bücher. Man geht nicht selbstverständlich mit ihnen in die Bibliothek, um Bücher auszuleihen. Natürlich wird auch nicht vorgelesen. Wer möchte sich vor den eigenen Kindern schon mit Büchern abplagen und als Schlechtleser:in outen?!

Ich stelle immer wieder fest, dass all das für viele Menschen eine fremde, kaum vorstellbare Welt ist, auf die
sie mit Kopfschütteln und Distanz blicken. Eines aber ist sicher: Diese fremde Welt ist Realität. Da dürfen wir nicht wegsehen, wenn wir die Kinder aus dieser Welt wirklich fördern wollen.

Wie wirkt sich das Aufwachsen in einer lesefernen Umgebung auf die Lesekompetenz der Kinder aus?

Kindern aus lesefernen Familien fehlt von Beginn an die Möglichkeit, eine positive Einstellung gegenüber dem Lesen zu entwickeln. Sie lernen nicht,

  • dass man sich auf eine vorgelesene Geschichte konzentrieren muss,
  • dass es sich lohnt, zuzuhören,
  • dass man es schaffen kann, sich von anderen Reizen nicht ablenken zu lassen,
  • dass beim Vorlesen eine wunderbare Bindungssituation entsteht und
  • dass ihnen beim Vorlesen eine Geschichte „geschenkt“ wird und Lesen/Vorlesen etwas Schönes ist.

Hinzu kommt, dass lesefern aufwachsende Kinder oft einen kleineren Wortschatz, weniger Sprachkompetenz und ein geringeres Weltwissen haben als Kinder, die mit Büchern groß werden. Dies bewirkt, dass die Sprache
in Bilder- und Kinderbüchern für sie oft zu anspruchsvoll ist.

Ohne Vorleseerlebnisse, Rollenvorbilder und eine positive Erwartungshaltung treten diese Kinder dem Lesenlernen meist mit wenig Vorfreude entgegen

Um hier wirksam gegensteuern zu können, braucht es das Bewusstsein, dass gerade diese Kinder bereits in
der Kita gezielt gefördert werden müssen – und entsprechendes Personal. Geschieht das nicht, sind d Start-
bedingungen zu Schulbeginn extrem ungleich. Ohne Vorleseerlebnisse, Rollenvorbilder und eine positive Er-
wartungshaltung treten diese Kinder dem Lesenlernen meist mit wenig Vorfreude entgegen und erleben den Leselernprozess schnell als anstrengend. Das Gefühl, dass sich all diese Mühen lohnen, fehlt. Wie vielschich-
tig und herausfordernd der Prozess des Lesens ist – vom Erkennen der Buchstaben über das Zuordnen und Zusammenschleifen der Laute und Bilden von Wörtern bis hin zum sinnerfassenden Lesen ganzer Sätze und Texte – sollte man sich immer wieder bewusst machen.

Wie sollen Eltern das stemmen, die selbst dem Lesen aus dem Weg gehen oder es schlecht bis gar nicht beherrschen?

Mühevoll ist auch, das Lesen als Hausaufgabe zu üben. Man kann sich die Stimmung gut vorstellen, die auf-kommt, wenn das Kind mit dem Auftrag „Lesen üben“ vor den Eltern steht. Wie sollen Eltern d stemmen, die selbst dem Lesen aus dem Weg gehen oder es schlecht bis gar nicht beherrschen? Die Stimmung verschärft sich, wenn die Schule den Eltern mit einer Vorwurfshaltung begegnet und Lehrkräfte ungeduldig oder empört reagieren, weil die Eltern nicht das tun, was von ihnen erwartet wird. So stehen die Weichen ungünstig für Kin-der aus lesefernen Elternhäusern. Zuerst die Anstrengung, Buchstaben und Texte zu entziffern, dann die Ver-ständnisprobleme rund um Wortschatz, Sprachkompetenz und Weltwissen.

Das sehr umfangreiche Interview mit Heidemarie Brosche behandelt weiterführend folgende Fragen:

  • Was macht es für diese Kinder so schwierig, ein positives Leseselbstbild zu entwickeln – und warum ist das wichtig? Wie können pädagogische Fachkräfte sie dabei gezielt unterstützen?
  • Was sind nach Ihrer Erfahrung die großen Herausforderungen, wenn es darum geht, Kinder aus lesefernen Elternhäusern fürs Lesen zu gewinnen? Welche Schwierigkeiten gilt es zu überwinden?
  • Welche Lesestoffe haben sich Ihrer Erfahrung nach besonders bewährt? Worauf sollte man bei der Auswahl achten?
  • Welche praktischen Tipps zur Leseförderung bildungsferner Kinder würden Sie pädagogischen Fachkräften mit auf den Weg geben? Was hat sich Ihrer Erfahrung nach besonders bewährt? 
  • Wenn Sie auf Ihre bisherige Arbeit im Bereich der Leseförderung zurückblicken: Was hat Sie besonders überrascht – und was stimmt Sie hoffnungsvoll, beispielsweise in Bezug auf mehr Bildungsgerechtigkeit in der Zukunft? 

>>> zum vollständigen Interview mit der Leseförderin und Autorin Heidemarie Brosche:
„Diese fremde Welt ist Realität, da dürfen wir nicht wegsehen.“ (externer Inhalt)

Quelle: Lesen in Deutschland 
sammelt und dokumentiert seit März 2005 online verfügbare Informationen zum Thema Leseförderung, und bereitet diese zielgruppenorientiert auf. Regelmäßig erscheinen im Journal Berichte, Fachbeiträge aus Praxis und Forschung, Interviews und Meldungen zur Lesekultur in Deutschland. Akteure der Leseförderung stellen sich vor oder berichten über gelungene Projekte und Aktionen.

Zur Person: Heidemarie Brosche
war bis zu ihrer Pensionierung Haupt- bzw. Mittelschullehrerin, zuletzt 17 Jahre an einer Brennpunktschule. 1991 erhielt sie einen Lehrauftrag an der Universität München zum Thema „Kinder- und Jugendliteratur im Deutschunterricht der Hauptschule“. Seit gut 30 Jahren schreibt sie Kinder-, Jugend- und Sachbücher. Mit Vorträgen und eigenen Texten setzt sie sich weiterhin für die Leseförderung – vor allem von lesefern aufwachsenden Kindern und Jugendlichen – ein.

Urheberrechtshinweis
Alle Rechte
an dem Artikel und an dessen Auszügen liegen ausschließlich bei der Leseförderin und Autorin Heidemarie Brosche sowie bei dem Fachmagazin Lesen in Deutschland/dem Herausgeber DIPF | Leibniz-Institut für Bildungsforschung und Bildungsinformation.

Ergänzende Artikel und Informationen (alle Artikel intern auf kindheit-heute.info)
>>> Lesen ist eine Zukunftskompetenz
>>> Mehr als ein Drittel der Eltern können oder wollen ihren Kindern nur selten oder gar nicht vorlesen
>>> Den „Teufelskreis des Nichtlesens“ durchbrechen
>>> Der Wortschatz ist am kleinsten, wenn Kinder …
>>> Vorlesemonitor 2022: Jedem fünften Kind wird nie vorgelesen
>>> Sind Mädchen motivierter im Lesen?
>>> Frühes Lesen steht in Zusammenhang mit besseren kognitiven Leistungen und psychischem Wohlbefinden im Jugendalter

Diesen Beitrag teilen: