Interview mit dem Kunsttherapeuten Stephan Zwingmann über seine Arbeit mit jungen Menschen aus dem Autismus-Spektrum.
Auszüge aus dem Interview:
Was bewirkt musische Bildung?
Sie ermöglicht schnell, barrierearm und sanktionsfrei Erfahrungen von Selbstwirksamkeit. Hier gibt es Raum, Fähigkeiten auszuprobieren, zu experimentieren und zügig sicht- oder hörbare Ergebnisse zu erzielen. Wenn junge Menschen erleben: „Ich kann etwas lernen, ich kann meine direkte Umwelt gestalten und das Ergebnis
ist gut“, dann stärkt das Mut u Übertrag in andere Lebensbereiche. Diese praktisch erlebte Kompetenz wirkt nachhaltiger als reine Theorie.
Warum sind musische Bildung und Kunsttherapie heute so relevant?
Therapie ist immer auch Hilfe zur Persönlichkeitsentwicklung. Kunsttherapie arbeitet an sichtbaren Ergeb-nissen (in der Musiktherapie hörbaren) und öffnet damit Zugänge zu Gefühlen und unbewussten Inhalten,
die im Gespräch schwerer erreichbar sind. Sie ist anschlussfähig für Menschen mit Sprachbarrieren oder geringer formaler Bildung. Über Bilder, Klang und Gestaltung kann man arbeiten, auch wenn sprachliche Dif-ferenzen bestehen. Das macht Kunsttherapie zu einer wichtigen Ergänzung anderer Verfahren.
Die Menschen betreiben seit jeher Kunst, Handabdrücke in Höhlen gibt es schon sehr lange, als eine Art von Kommunikation. Die Frage nach: “Wie gestalten wir Gemeinschaft und wie möchten wir Gemeinschaft leben, wie einigen wir uns darauf?” Wenn wir das professionalisieren und sichtbar machen, potenzieren wir die Wir-kung – und stärken ein echtes Alleinstellungsmerkmal der (CJD-) Persönlichkeitsbildung. Kultur kippt in Kri-
sen oft als Erstes hintenüber – aus meiner Sicht zu Unrecht. Kulturarbeit berührt Werte, Kommunikation, Be-
gegnung und gesellschaftliche Teilhabe. Junge Menschen lernen, dass sie Kultur mitgestalten können. Da-
von profitiert die Gesellschaft.
“Der Mensch braucht das Gefühl, gestalten zu können – für sein Leben, für die Gemeinschaft und für unsere Gesellschaft.“
Stephan Zwingmann
Wo verläuft die Grenze zwischen musischer Bildung und Kunsttherapie?
Pädagogik baut auf und entfaltet Potenziale; Therapie gleicht Defizite und Erkrankungen aus. In der Praxis
sind die Übergänge fließend. In Gruppen achte ich darauf, sensible Themen gegebenenfalls in ein therapeu-tisches Setting zu überführen.
Kann auch die Gemeinschaft gefördert werden durch musisch-kreative Angebote?
Gemeinsames Gestalten erzeugt Begegnung: Man lernt sich kennen, es entstehen Freundschaften. Gleich-
zeitig üben wir im „dialogischen Arbeiten“, wo die Freiheit des einen endet und die des anderen beginnt; ganz konkret am gemeinsamen Werk. Konflikte bleiben folgenarm und bearbeitbar. So lernen Jugendliche, Bedürf-nisse anzumelden, sich zu positionieren und zugleich Grenzen zu respektieren.
Quelle: Das CJD (Christliches Jugenddorfwerk Deutschland)
ist ein gemeinnütziger eingetragener Verein – und mit über 11.000 Mitarbeitenden eines der größten Bildungs- und Sozialunternehmen in Deutschland. Dem Bildungs- und Sozialunternehmen geht es da-
rum, Menschen zu befähigen, ihre Persönlichkeit zu entfalten sowie ihr Leben selbstbestimmt und er-
folgreich zu gestalten.
>>> zum Artikel: „Musische Bildung macht Selbstwirksamkeit erlebbar“ (externer Inhalt)
Urheberrechtshinweis
Alle Rechte an dem Artikel (s.o) liegen liegen ausschließlich bei Stephan Zwingmann als auch bei dem CJD – dem Christlichen Jugenddorfwerk Deutschland/Ebersbach/Fils.
Ergänzende Artikel und Informationen (alle Artikel intern auf kindheit-heute.info)
>>> Welche entwicklungsfördernde Wirkung hat Musik für Kinder und Jugendliche?
>>> Die wichtigen Fächer in der Schule sind Kunst, Sport und Musik!
>>> Was alles möglich wird, wenn Jugendliche gemeinsam musizieren
>>> Das Potenzial der Musik
>>> Die Bedeutung der musikalischen Bildung für eine lebenswerte Gesellschaft
>>> Die Wirkung von Musik auf die Persönlichkeitsentwicklung von Kindern
