Bei immer mehr Kindern wird ADHS oder Autismus festgestellt. Der Kinderpsychiater Gottfried Maria Barth erklärt, warum das
so ist – und wie Eltern und Schulen damit umgehen können.
Auszug aus dem Artikel:
Förderschulen platzen aus allen Nähten, immer mehr Kinder bekommen die Diagnose ADHS oder Autismus. Viele Eltern sind verunsichert und fragen sich: Passt die Schule einfach nicht mehr zu dem, was Kinder heu-
te brauchen? Im Interview mit SWR Aktuell schildert Gottfried Maria Barth, dass Förderschulen im Kreis Tü-
bingen an ihre Grenzen stoßen: Immer mehr Kinder mit Diagnosen wie Autismus-Spektrum-Störung und ADHS benötigen spezielle Unterstützung.
Barth ist Kinder- und Jugendpsychiater an der Uniklinik Tübingen. Er hat dort unter anderem eine Spezial-
ambulanz für Autismus-Spektrum-Störungen aufgebaut. Außerdem berät er das Kultusministerium zu schu-
lischen Fragen. Im Interview mit SWR-Aktuell schildert Barth, warum Autismus und ADHS häufiger erkannt
werden, was Familien wirklich hilft – und wieso das Schulsystem dringend umdenken sollte.
Warum werden immer mehr Kinder mit ADHS und Autismus diagnostiziert?
Gottfried Barth: Die Zunahme der Diagnosen heißt nicht automatisch, dass die Anzahl der betroffenen Men-
schen wirklich zugenommen hat. Das Phänomen Autismus wurde in den letzten 10 -15 Jahren immer bekann-
ter, in der Gesellschaft aber auch bei Ärzten und Fachleuten. Es werden also auch mehr Kinder zur Diagnostik gebracht. Früher wurde ADHS und Autismus gerade bei Mädchen häufig übersehen. Heute wissen wir aber,
dass Mädchen etwa gleich häufig betroffen sind.
Müssen alle Kinder mit ADHS oder Autismus auf eine Förderschule?
Gottfried Barth: Die meisten Kinder mit Autismus oder ADHS haben nichts in der Förderschule verloren. Der Vorteil einer Förderschule ist, dass die Klassen meistens kleiner sind. Vom Intelligenzprofil sind Autisten aber eher durchschnittlich oder eher sogar intelligenter als die anderen. Ich werde hellhörig, wenn ich höre, dass gerade Förderschulen stark steigende Zahlen von Kindern mit Autismus und ADHS haben. Dann frage ich mich sofort: Wurde wirklich alles getan, damit diese Kinder an Regelschulen die Unterstützung bekommen, die sie brauchen – und die ihnen zusteht?
Wie können Kinder mit ADHS oder Autismus auf einer Regelschule besser unterstützt werden?
Die zwei wichtigsten Hilfsmittel sind Nachteilsausgleiche und Schulbegleiter. Gerade bei autistischen Kindern ist ein Nachteilsausgleich, dass sie zum Beispiel in der Klassenarbeit mehr Zeit kriegen, wichtig, weil sie vieles einfach genauer machen wollen. Eine Schulbegleitung kann solchen Kindern helfen, konzentriert zu bleiben und den Schulalltag zu bewältigen. Allerdings ist das bei dieser Diagnosehäufigkeit oft zu aufwendig. Deshalb ist es wichtig, dass wir an Schulen – oder in bestimmten Klassen – das nötige Fachwissen aufbauen. Nur so können Lehrkräfte Kinder mit Autismus oder ADHS wirklich gut unterrichten.
Also braucht es ein grundsätzliches Umdenken im Schulsystem?
Gottfried Barth: Unser Schulsystem muss aus meiner Sicht flexibler werden. Schulen sollten besser darin sein, sehr unterschiedliche Kinder zu begleiten und zu unterrichten, ohne sie aus dem Regelsystem zu drängen. Wir leben in einer Gesellschaft, die von Vielfalt und unterschiedlichen Begabungen lebt. Schule sollte diese Vielfalt fördern und nicht vor allem einfordern, dass alle Kinder sich gleich konzentrieren und streng am Lehrplan ent-
lang funktionieren. Sonst geraten viele begabte, tolle junge Menschen mit Autismus oder ADHS an den Rand des Systems oder fallen ganz heraus.
Kinder verbringen heute sehr viel Zeit in der Schule. Deshalb brauchen wir Schulen, die mit der digitalen Reali-
tät Schritt halten, kritisches Denken fördern und die Werte unserer demokratischen Gesellschaft vermitteln; vernetzt mit Jugendarbeit und anderen Hilfesystemen. In einem solchen, weiterentwickelten Schulsystem kön-
nen Kinder im Autismus-Spektrum und mit ADHS deutlich besser integriert und unterstützt werden.
Was sollten Eltern von Kindern mit Autismus oder ADHS, und die Kinder selbst aus Ihrer Sicht unbedingt wissen, wenn es in der Schule nicht gut läuft?
Gottfried Barth: Wichtig ist, sich professionelle Hilfe zu suchen: eine gründliche Diagnostik, die auch Begleit-
störungen wie Depressionen erkennt und behandelt. Bei ADHS gibt es viele Möglichkeiten – Trainings, Verän-
derungen in Alltag und Schule und, wenn nötig, Medikamente. Man sollte keine Angst vor einer gut geprüften medikamentösen Behandlung haben, sie schützt viele Jugendliche vor späterer Sucht.
Beim Autismus kommt es darauf an, die konkreten Schwierigkeiten zu sehen: Braucht das Kind klarere Struk-
turen, eindeutige Aufgaben, einen Schutzraum? Dann kann die Schule gezielt reagieren. Eltern rate ich, sich mit anderen Familien zu vernetzen. Und auch bei Autismus sind wir nicht hilflos: In Tübingen etwa lernen Kinder
und Jugendliche in unserem Gruppenprogramm „TÜTAS“ (Tübinger Training bei Autismus-Spektrum-Störun-
gen), Gefühle besser wahrzunehmen und soziale Situationen zu bewältigen. In diesem geschützten Raum ma-
chen Teilnehmerinnen und Teilnehmer viele große Fortschritte. Im November erscheint dazu ein Leitfaden als
Buch, mit dem dieses Training auch an anderen Orten angeboten werden kann.
Dieses Interview führte SWR-Reporterin Lea Pflüger.
Es basiert auf Fragen unserer Leserinnen und Leser auf Instagram und Facebook. Die Beiträge und Diskussio-
nen können Sie hier nachlesen: Social-Media-Beitrag auf Instagram
Quelle: Der Südwestrundfunk (SWR)
ist eine Landesrundfunkanstalt für die Länder Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz. Er entstand 1998 als Fusion aus Süddeutschem Rundfunk und Südwestfunk. Der SWR ist nach dem WDR die zweitgrößte Rundfunkanstalt der ARD und eine Anstalt des öffentlichen Rechts.
>>> zum Artikel: „Kinderpsychiater: Warum bei immer mehr Kindern Autismus und ADHS diagnostiziert werden“
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Südwestrundfunk (SWR).
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