Als neuer Trend auf Social Media sind zunehmend Beiträge von Jugendlichen zu beobachten, die unter Angabe eines konkreten Zeitpunkts ihren Suizid ankündigen.
Auszüge aus dem Report:
Pro-suizidale Profile und Beiträge sind online leicht auffindbar. Als neuer Trend auf Social Media sind zuneh-
mend Beiträge von Jugendlichen zu beobachten, die unter Angabe eines konkreten Zeitpunkts ihren Suizid ankündigen. In den zugehörigen Kommentarspalten entwickelt sich dazu häufig ein intensiver Austausch, in
dem weitere zahlreiche User ebenso Daten für ihre geplanten Suizide posten. Dies kann den Druck zur Nach-
ahmung erhöhen und Hemmschwellen senken.
Romantisierung und Ästhetisierung von Suizid
Aktuell ist insbesondere auf TikTok ein Trend zu beobachten, bei dem Bild- und Videocollagen ein mutmaßlich geplantes Suizidvorhaben ästhetisch inszenieren. Neben einem konkreten Datum, das d Beiträgen eine beson-
dere Drastik verleiht, sind häufig Abschiedsbriefe oder romantisierende Zitate sowie ausführliche Beschreibun-
gen über d Ausgestaltung mit Bekleidung/ Musik, sowie d konkrete Nennung von Suizid-Methoden enthalten.
Besonders alarmierend ist dabei die hohe Frequenz von Beiträgen, in der User gezielt ihre eigenen Suizid-Termi-
ne posten. In den Kommentarspalten solidarisieren sich andere User, indem sie ebenfalls einen Zeitpunkt für ih-
ren geplanten Suizid nennen. So entsteht ein intensiver, destruktiver Austausch, in dem sich die Beteiligten ge-
genseitig in ihren Suizidgedanken bestärken können. Wie ernst diese Ankündigungen gemeint sind, lässt sich
für Außenstehen-de zumeist nicht beurteilen. Insbesondere suizidgefährdete Jugendliche können dadurch aber
in ihrem suizidalen Vorhaben bestätigt und bestärkt werden.

Der Großteil der Suizidankündigungen enthält nicht genügend konkrete Informationen
Die Beobachtungen von jugendschutz.net decken sich mit einer erhöhten Anzahl von Hinweisen, die über die Hotline eingehen, sowie den Rückmeldungen von Expert:innen der Deutschen Depressionshilfe. Für Interven-
tionsmaßnahmen stellt die Entwicklung eine erhebliche Herausforderung dar: Der Großteil der Suizidankündigungen enthält nicht ge-
nügend konkrete Informationen, um eine polizeiliche Intervention und damit ein „Gefahr in Verzug“-Verfahren zu rechtfertigen. Zudem besteht die Gefahr, dass in der Masse der unkonkreten Beiträge ernst gemeinte Suizidan-
kündigungen untergehen. Werden sie nicht rechtzeitig erkannt und an die zuständige Polizeibehörde weiterge-
leitet, kann notwendige Hilfe möglicherweise zu spät erfolgen.
User-Strategien zur Umgehung der Plattformregeln
Mutmaßliches Ziel vieler User:innen, die auf TikTok derartige Inhalte posten, ist das Erzeugen von Sichtbarkeit. Die Posts können aber auch Ausdruck eines Hilferufs oder der Suche nach anderen Menschen sein, die eben-
falls unter Suizidgedanken leiden. Dafür werden etablierte und abgewandelte Akronyme genutzt, darunter #sm („Selbstmord“), #smg („Selbstmordgedanken“), #kms („kill myself“), #kys („kill yourself“), #smv („Selbstmord-
versuch“) sowie idwtba („I don´t want to be alive“) und #iwtd („Iwant to die“).
Gesperrte Begriffe werden häufig durch alternative Schreibweisen umgangen. So wird der Begriff „Suizid“ bei-
spiels-weise unter Hashtags wie #suicide sowie Abwandlungen wie #sewerslide, #se-wersl1de und der geziel-
ten Nutzung von Zahlen und Sonderzeichen (etwa € anstelle des Buchstabens e) verschleiert.
Mangelnde Vorsorge der Dienste
Im Rahmen einer aktuellen Recherche identifizierte jugendschutz.net eine Vielzahl jugendgefährdender In-
halte auf TikTok und Instagram.3 Bei einem Testwurden die jugendgefährdenden Inhalte zunächst über die Meldefunktion der Plattformen gemeldet. Die Reaktionen fielen jedoch unzureichend aus: Instagram löschte
lediglich 29 % der gemeldeten Fälle, TikTok sogar nur 5 %.
Nötige Vorsorgemaßnahmen
Anpassung der Empfehlungsalgorithmen
Insbesondere für jüngere Nutzer:innen muss die stetige automatisierte Wiederholung und Kumulation suizidaler und depressiver Inhalte aktiv unterbunden werden.
Verbreitung präventiver Inhalte
Eine stärkere algorithmische Förderung und prominente Platzierung von verifizierten, professionellen Hilfsangeboten und präventivem Content direkt in den Feeds der Betroffenen ist erforderlich.
Effektive Moderation
Die Weiterverbreitung von Inhalten durch Hashtags, Sounds und Codes sollte technisch unterbunden werden, und auf Usermeldung sollte reagiert werden.
Quelle:jugendschutz.net
wurde 1997 als Stelle aller Bundesländer durch die Jugendminister:innen gegründet und handelt mit gesetzlichem Auftrag. Die Aufgaben sind im Jugendmedienschutz-Staatsvertrag (JMStV) festgelegt.
Seit 2003 ist unsere Institution organisatorisch an die Kommission für Jugendmedienschutz (KJM) angebunden. Inzwischen fungie-ren wir auch als gemeinsames Kompetenzzentrum von Bund, Län-
dern und Landesmedienanstalten für den Schutz von Kindern und Jugendlichen im Internet.
>>> zum Report:
„Suizidale Inhalte im Netz – Trrends und Herausforderungen für den Jugendmedienschutz“ (extern)

Urheberrechtshinweis
Alle Rechte an dem Report liegen ausschließlich bei dem Kompetenzzentrum jugendschutz.net.
Ergänzende Artikel und Informationen (alle Artikel intern auf kindheit-heute.info)
>>> Nichtsuizidales selbstverletzendes Verhalten (NSSV) bei Kindern und Jugendlichen
>>> Was tun bei vermuteter (Selbst-)Gefährdung von Jugendlichen?
>>> Mögliche Ursachen für Suizidabsichten und Suizid bei Kindern und Jugendlichen
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