Selbstverletzendes Verhalten bei Jugendlichen - Eine Mädchen von 15 jahren zeigt ihre Narben
Die Abbildung wurde mit "REVE" erstellt

Was tun bei vermuteter (Selbst-)Gefährdung von Jugendlichen?

Selbstverletzendes Verhalten bei Jugendlichen stellt pädagogi-sche Fachkräfte vor große Herausforderungen. Oft gehen die-
sem Verhalten tiefgreifende psychische Belastungen wie emo-
tionale Überforderung, starke Ängste oder traumatische Erfah-
rungen voraus.

Auszug aus dem leicht gekürzten Artikel:

Eine besondere Schwierigkeit liegt in einer bei Jugendlichen häufig aufkommenden Ambivalenz. Einerseits machen sie durch ihr Verhalten a eine innere Not aufmerksam. Andererseits lehnen sie professionelle Hilfe
ab oder begegnen ihr mit Misstrauen. Für Fachkräfte entstehen in dieser Dynamik große Unsicherheiten. Im direkten Umgang mit den betroffenen Jugendlichen als auch in der Kommunikation mit Erziehungsberech-
tigten und im Einschätzen möglicher Gefährdungen.

Ein Interview mit der erfahrenen KInderschutzfachkraft Katja Giesen:

Mit welchen Formen von (Selbst-)Gefährdung von Jugendlichen werdet ihr im Kinderschutz-Zentrum typischerweise konfrontiert?

„Wir werden häufig bei Fragestellungen rund um das Thema Selbstverletzung, durch das sogenannte „Rit-
zen“ und Suizidversuche bzw. Äußerungen, die auf Suizidalität von Jugendlichen hinweisen, angesprochen.
Bei solchen Themen machen Fachkräfte, Angehörige oder Freund*innen sich Sorgen.“

Jugendliche können sich auf ganz unterschiedliche Art und Weise selber schädigen

„Ich würde das Thema selbstgefährdende Verhaltensweisen allerdings weiter fassen wollen. Jugendliche können sich auf ganz unterschiedliche Art und Weise selber schädigen und in Gefahr bringen. Neben den genannten Formen sollten hierunter auch Verhaltensweisen wie gefährdender Substanzgebrauch, Schulab-
sentismus, übermäßiger Medienkonsum, Isolation und gefahrensuchende Verhaltensweisen gefasst wer-
den, um nur einige Bereiche aufzuzählen.

Gefahrensuchendes Verhalten im Jugendalter ist als alterstypisches Verhalten zu betrachten und ist eng
mit der Hirnentwicklung verknüpft. Es gibt hier eine relativ hohe gesellschaftliche Akzeptanz. Wir können
das beispielsweise an einem milderen Jugendstrafrecht erkennen. Deshalb passiert es, dass Warnsignale übersehen oder bagatellisiert werden.

Gleichzeitig können Jugendliche sich durch diese Verhaltensweisen massiv in ihrer Entwicklung schädigen
und ihr eigenes Leben bedrohen. An dieser Stelle kann Hilfe von außen notwendig werden, auch wenn Ju-
gendliche nicht aktiv darum bitten.“

Kinderschutz ist Beziehungsarbeit

Kinderschutz ist Beziehungsarbeit und Kommunikation ist eine ganz zentrale Kompetenz für Beratungs-
arbeit in Gefährdungsfällen. Was sind aus deiner Erfahrung die wichtigsten Kriterien für Gesprächsfüh-
rung der Fachpersonen mit den Jugendlichen und auch deren Sorgeberechtigten?

„Das Wichtigste ist, die Jugendlichen und deren Familien in ihrer subjektiven Situation und Emotionalität
ernst zu nehmen. Aber auch genauso ihre sehr individuellen Strategien, um mit den zugrunde liegenden
(psychischen) Belastungen zurechtzukommen. Das schädigende Verhalten gleichzeitig klar als solches benennen und die Betroffenen darin unterstützen, andere Lösungsideen zu entwickeln. Es ist wichtig, ei-
nen Umgang mit den Befürchtungen zu finden und diesen den Betroffenen gegenüber transparent zu ma-
chen.

In Fachberatungsprozessen ist es sehr wichtig darauf zu achten, wer sich Sorgen macht und wer v wem angesprochen wurde. Kinder und Jugendliche wählen achtsam, wem sie sich anvertrauen und ob über-
haupt. Häufig wählen Jugendliche dafür Peers, das zeigt sich in Praxis und Forschung. Bei der Unterstüt-
zung der Jugendlichen sollten diese bewusst gewählten Beziehungen berücksichtig und wertgeschätzt
werden. Im Falle v Jugendlichen, die Informationen über ihre Peers weitergeben, sollten wir auch berück-
sichtigen, wie es diesen Jugendlichen mit der Sorge um die betreffende Person geht.“

Würdest du sagen, dass es für Fachkräfte in der Praxis besonders herausfordernd ist, mit der Dynamik
der Lebenswelten von Jugendlichen und den entsprechenden zeit- und altersgemäßen Hilfeangeboten
Schritt zu halten und eben nicht den Anschluss zu verlieren?

„Entwicklungsbedingt haben Jugendliche eher ein geringeres Bedürfnis, ihre Lebenswelt mit Erwachsenen
zu teilen. Sie verbringen ihre freie Zeit lieber für sich oder mit Menschen, die ihre Interessen teilen. Gleich-
zeitig wird die Welt in Schule und auf d Arbeitsmarkt herausfordernder und das soziale Miteinander steht institutionell eher hinter dem Leistungsanspruch. Abgrenzung als entscheidende Entwicklungsaufgabe be-
dingt ja auch, dass Jugendliche sich abgrenzen und andere Dinge als die ihrer Eltern gut finden. Über Musik, Aussehen und Kleidung ist das in der neueren Vergangenheit schwieriger geworden, über digitale Medien-
welten wie Social Media gelingt das sehr gut.

Wir bräuchten angesagte Influencer*innen, die auf uns hinweisen

Dennoch sind Jugendliche ambivalent und durchaus bereit „Hilfe“ anzunehmen, wenn es ihnen sinnvoll er-
scheint. Machen wir es ein bisschen flapsig: Taschengeld, Fahrstunden, Schlafplatz oder Nahrungsversor-
gung werden in der Regel v Jugendlichen gerne angenommen. In den letzten Jahren haben wir über Coro-
na unsere Netzwerke zu Jugendlichen allerdings schlecht gepflegt. Neben dem, was in Schulen an Kontakt, Beziehung und Interaktion nicht stattgefunden hat, gab es auch viel weniger Möglichkeiten in der Freizeit, in Vereinen, der offenen Jugendarbeit, Kultur oder anderen Begegnungsorten vertrauensvolle Beziehungen zu Erwachsenen aufzubauen oder über schwierige Phasen hinweg zu halten.

Ob unsere Hilfsangebote anders gestaltet sein sollten oder wir andere Wege brauchen, müssen wir die Ju-
gendlichen direkt fragen. Ein Tipp, den ich mal von einer Jugendlichen bekommen habe, war, wir bräuchten angesagte Influencer*innen, die auf uns hinweisen. Diesen „neuen“ jugendkulturellen Sprachrohren und Kommunikationsweisen sollten wir uns anpassen und sie als neue Ressourcen wahrnehmen, auch wenn
es aus Perspektive von Erwachsenen vielleicht nicht immer gefällt.

Katja Giesen,
ist Katja Giesen ist Diplom-Sozialpädagogin, Systemische Therapeutin, Supervisorin und insoweit erfahre-
ne Fachkraft. Sie ist als Fachberaterin und Therapeutin im Kinderschutz-Zentrum Aachen und seit vielen Jahren als Fortbildungsreferentin bei den Kinderschutz-Zentren tätig.

>>> zum Artikel: „Was tun bei vermuteter (Selbst-)Gefährdung von Jugendlichen?“ (externer Inhalt)
>>> zur weiteren Veröffentlichungen der Bundesarbeitsgemeinschaft der Kinderschutz-Zentren (extern)

Urheberrechtshinweis
Alle Rechte an dem Artikel liegt ausschließlich bei der Katja Giesen sowie bei der Bundesarbeitsgemeinschaft der Kinderschutz-Zentren, Köln.

Ergänzende Artikel und Informationen (alle Artikel intern auf kindheit-heute.info)
>>> Selbstverletzendes Verhalten bei Kindern und Jugendlichen
>>> Nichtsuizidales selbstverletzendes Verhalten (NSSV) bei Kindern und Jugendlichen
>>> Mögliche Ursachen für Suizidabsichten und Suizid bei Kindern und Jugendlichen
>>> Bis zu 500 Kinder nach Selbsttötungsversuchen auf Intensivstation

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