Intime Momente im Leben von Minderjährigen: „Kidfluencer“-Ka-
näle zeigen alles: Geburt und Trotzphase, Kindergeburtstage und Kummer in der Pubertät. Ein lukratives Geschäft, vor allem für die Eltern.
Auszug aus dem Artikel vom 03.03.2026:
Kinderstars ohne Schutz der Persönlichkeit
Follower können dank täglich geposteten Videos an nahezu jedem Moment des Familienalltags des Alltags von Kindern teilnehmen , die viel z jung sind, um sich der Tragweite dieser Veröffentlichung bewusst zu sein. Die Persönlichkeitsrechte dieser Kinderstars – wenn man sie so nennen möchte -, sind kaum geschützt. So-
ziale Medien sind eine Grauzone der Kinder-Vermarktung, bei der es um viel Geld geht – und wenig Verant-
wortungsgefühl der Erwachsenen.
Das sechsjährige Mädchen, dessen Leben seit fast zehn Jahren in allen Facetten auf Videos dokumentiert wurde, ist inzwischen fast 15 Jahre alt. Inzwischen postet die Jugendliche ihre Videos selbst auf allen Kanä-
len – ohne ihre Eltern. Und gehört damit nicht einmal zu den erfolgreichsten Stars unter den deutschen „Kid-
fluencern“. Auf YouTube wurde ihr Kanal immerhin 140.000 mal abonniert.
Noch immer ist es ein Geheimnis, welche Einnahmen solche Followerzahlen bringen. Die tatsächlichen Um-
sätze sind von vielen Parametern abhängig, darunter Produktplatzierung, Exklusivverträge oder individuelles Sponsoring. Doch schon ab 10.000 Followern kann ein einzelner Post bis zu 1.000 Euro einbringen.
Keine Privatsphäre dank eigenen Eltern
Das genügt für den Eindruck, dass Eltern minderjähriger Social Media-Stars die Wahrung der Kinderrechte vermutlich hinter wirtschaftlichen Interessen zurückstellen. Was geschieht mit Kindern, wenn sie irgendwann feststellen, dass sie lange bereits keine Privatsphäre mehr hatten, bevor sie dieses Wort überhaupt gehört
oder verstanden haben?
Die Kinderrechtsaktivistin und Social Media-Expertin Sara Flieder aus Hamburg engagiert sich seit über drei Jahren für Kinderrechte im Internet. Sie beobachtet die Bloß- und Zurschaustellung schon kleinster Kinder
mit großer Sorge. Die deutschen Influencer, die von ihren Eltern vermarktet werden, seien noch relativ jung. Deswegen gebe es hierzulande kaum welche, die sich dazu bislang öffentlich geäußert hätten.
In den USA, sagt Sara Flieder, sei es früher losgegangen. „Dort sagen einige inzwischen erwachsene ‚Kidflu-
encer‘: Meine Kindheit wurde vermarktet!“ Ähnlich wie im Filmklassiker „Die Truman Show“ von 1998 habe deren komplette Kindheit vor den Augen der Öffentlichkeit stattgefunden. Die vielbeachtete Netflix-Dokuserie „Bad Influence“ hat 2025 verstörende Einblicke in diese Welt in den USA gewährt.
Kinderrechte in Sozialen Medien durchsetzen
Die NDR-Doku „Kinderschauspieler – Der Preis des Erfolgs“ zeigt, wie solche Darstellerinnen und Darsteller heute auf ihre frühen Filmkarrieren zurückblicken. Sie werden in Fußgängerzonen o im Supermarkt erkannt. Doch auch die Tiefen dieser Prominenz teilen die Kinderstars . Selten gewinnen „Kidfluencer“ Preise damit,
ihr gesamtes Leben preisgegeben zu haben.
Sara Flieder hat in Deutschland 2022 eine Petition gestartet, u Kinderrechte auch in Sozialen Medien durch-
zusetzen. Sie hat über 50.000 Unterschriften gesammelt und in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Kinder-
hilfswerk ein Gutachten initiiert, in dem zum ersten Mal auch juristisch in diesem Zusammenhang vom Tat-
bestand der Kindeswohlgefährdung gesprochen wird.
Ende 2025 wurden Petition und Gutachten der Kinderkommission des Bundestages überreicht. Erstmals besteht berechtigte Hoffnung, dass Rechte der Kinderstars in Sozialen Medien auch gesetzlich geschützt werden. Dabei geht es um weit mehr als um Arbeitszeiten. „Gutverdiener“ in diesem weltweit erfolgreichen Social-Media-Segment stehen täglich mehrere Stunden vor der Kamera ihrer Eltern.
„Sexualisierte Darstellung“ von Kleinkindern
Selbst wenn sich Aufnahmen aus ihrem Alltag nicht wie Arbeit anfühlen, verstoßen sie zumindest in Deutsch-
land gegen alle Regeln. Kinderarbeit ist laut Jugendarbeitsschutzgesetz grundsätzlich verboten und nur in Ausnahmefällen und nach Antragstellung erlaubt.
Mindestens ebenso schwer erträglich sind Inhalte, die auf den für Eltern monetär lukrativen Kanälen gepostet werden:
„Ich habe Kinder gesehen, die vielleicht anderthalb Jahre alt sind, breitbeinig im Badeanzug dasitzen und eine Salatgurke lecken. Das ist offensichtlich eine sexualisierte Darstellung.“
Sara Flieder
Für normale Betrachter unschuldig wirkende Kindervideos und -fotos würden zudem regelmäßig von der Pädo-
philen-Szene konsumiert und im Darknet in einen sexualisierten Zusammenhang gestellt. Problematisch seien Informationen selbst dann, wenn es um vermeintlich harmlose Familien-Kanäle gehe und die Kinder nicht zu erkennen seien.
Die meisten Infos gehören nicht ins Netz
Auch in solchen Fällen würden Eltern hinter dem Rücken ihrer Kinder deren Sorgen und Nöte teilen, kritisiert Sara Flieder: „Die Leute im Umfeld, Lehrerinnen und Mitschüler, wissen trotzdem, dass die Zwölfjährige jetzt
ihre Periode bekommen hat. Oder dass das Grundschulkind gerade Probleme mit Mobbing in der Schule hat. Das sind alles Informationen, die auf gar keinen Fall ins Internet gehören.“
Was man tun könne, um das Modell der „Kidfluencer“ nicht weiter zu fördern? Richtig sei im Grunde Nichtstun: Nicht folgen, nicht liken, nicht kommentieren, rät Sara Flieder. Jeder Klick fördert ein Geschäftsmodell, das für die Protagonisten der Kanäle, die minderjährigen „Stars“ der Kidfluencer-Szene, mit noch gar nicht vollständig absehbaren Schäden verbunden ist.
Quelle: Die Kulturberichterstattung bei tagesschau.de
ist Teil der ARD-aktuell Gemeinschaftsredaktion mit Sitz beim NDR in Hamburg. Sie berichtet umfassend über Kunst, Literatur, Film, Musik und gesellschaftspolitische Kulturthemen.
>>> zum vollständigen Artikel: „Wie „Kidfluencer“ in Sozialen Medien ausgebeutet werden“ (externer Inhalt)
Urheberrechtshinweis
Alle Rechte an dem Artikel liegen ausschließlich bei der Kulturredaktion/tagesschau.de.
Ergänzende Artikel und Informationen (alle Inhalte extern)
>>> „Kidfluencer“: Wie Kinder zu Social Media-Stars (gemacht) werden
>>> Was ist so schlimm daran, wenn Family-Influencer:innen ihre Kinder a Social Media zeigen, Sara Flieder?
>>> Zwischen Spielzeug, Kamera und YouTube – Wenn Kinder zu Influencer*innen werden
>>> Geschäftsmodell Kidfluencer
>>> Kinder-InfluencerInnen: Social-Media-Erfolg aus dem Kinderzimmer
Ergänzende Artikel und Informationen (alle Inhalte intern auf kindheit-heute.info)
>>> Lisa & Lena gehören zu den beliebtesten Influencern Deutschlands
>>> Wenn Kinder zu Influencern (gemacht) werden
>>> Videoreportage: „Kinder-Influencer: Ist das Arbeit?“
>>> The Dark Side of Kidfluencing
