Weniger Kinderwünsche wegen Zukunftssorgen - ein leerer Kinderwagen
Symbolbild | KI-generiert

Weniger Kinderwünsche wegen Zukunftssorgen

Laut einer Studie des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung spiegeln sich in dieser Entwicklung die Krisenerfahrungen und Zu-
kunftssorgen junger Erwachsener wider.

Auszüge aus der Pressemeldung:

Auch wenn die Geburtenrate in Deutschland in den vergangenen Jahren deutlich gesunken ist, wünschen sich viele junge Menschen doch weiterhin Kinder. Sie setzen ihren Kinderwunsch aber nicht immer um oder sie schieben ihn auf. Eine neue Untersuchung des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung (BiB) zeigt, dass nun erstmals seit vielen Jahren der Kinderwunsch gesunken ist, während Zukunftssorgen auf Grund globaler Krisen zugenommen haben.

Kinderwunsch trotz Rückgang weiterhin höher als die Geburtenrate

Trotz des Rückgangs der Geburtenrate wollen junge Erwachsene weiterhin Kinder haben. Wie aktuelle Auswer-
tungen des familiendemografischen Panels FReDA zeigen, liegt der Kinderwunsch deutlich über der Geburten-
rate, auch wenn er zuletzt erstmals seit vielen Jahren bei Frauen auf durchschnittlich 1,7 Kinder u bei Männern auf etwa 1,6 Kinder zurückging. „Es ist nicht der fehlende Wunsch nach Kindern, der d Geburtenrückgang prägt. Vielmehr führt der Aufschub der Familienplanung häufig zu unerfüllten Kinderwünschen“, erklärt Prof. Dr. Martin Bujard, Forschungsdirektor am BiB und Mitautor der Untersuchung, die Ergebnisse.

Dagegen ist die Vorstellung von der idealen Kinderzahl, also derjenigen, die Menschen unabhängig von objekti-
ven oder subjektiven Hindernissen als ideal ansehen, weitgehend konstant geblieben. Frauen und Männer im
Alter von 18 bis 39 Jahren sehen durchschnittlich rund 2,2 Kinder als ideal an. Durch die sinkende Geburtenrate
ist die Lücke zwischen der als ideal betrachteten und der realisierten Familiengröße gewachsen − die Forschen-
den sprechen vom ‚Fertility Gap‘. Daraus folgert Bujard: „Viele Menschen bekommen weniger Kinder als es ihrem eigentlichen Familienideal entspricht.“

Zusammenhang von Zukunftssorgen und Familienplanung

Eine mögliche Erklärung für diese Entwicklung liegt in den vielfältigen Krisenerfahrungen der vergangenen Jah-
re. Die FReDA-Daten zeigen, dass Zukunftssorgen unter jungen Erwachsenen weit verbreitet sind. Besonders stark ausgeprägt ist die Sorge vor Kriegen. Mehr als vier von zehn Befragten geben an, darüber sehr besorgt zu sein. Deutlich zugenommen haben zudem Sorgen um eine mögliche Schwächung der Demokratie. Auch der Kli-
mawandel und wirtschaftliche Krisen beschäftigen viele Menschen. Dagegen spielen Sorgen um das Auftreten zukünftiger Pandemien inzwischen nur noch eine untergeordnete Rolle. Die Ergebnisse stützen die Annahme, dass die Familienplanung nicht allein von individuellen Lebensumständen abhängt. „Unsere Forschungsergeb-
nisse zeigen, dass Kinderwünsche auch mit den Erwartungen an die gesellschaftliche Zukunft in Zusammen-
hang stehen“, fasst Mitautorin Dr. Miriam Trübner, wissenschaftliche Mitarbeiterin am BiB, zusammen. „Wenn
junge Menschen Zukunftssorgen haben, können Familiengründungen aufgeschoben oder Kinderwünsche nach
unten korrigiert werden.“

Regionale Daseinsvorsorge kann Unsicherheit abfedern

Neben globalen Krisen hängt die Familienplanung auch mit den konkreten Bedingungen vor Ort zusammen. Erstmals wurden im FReDA-Panel Einschätzungen zur regionalen Daseinsvorsorge erhoben. Dabei zeigt sich: Die Zufriedenheit mit Erholungsmöglichkeiten, insbesondere in der Natur, sowie mit dem Kita-Angebot ist in Deutschland hoch. Deutlich kritischer werden dagegen das Wohnungsangebot sowie die Arbeits- u Verdienst-
möglichkeiten bewertet. Vor allem beim Wohnungsangebot äußern sich viele Befragte unzufrieden − hier be-
wertet nur etwa jede vierte Person die Situation vor Ort positiv.

Gleichzeitig zeigt sich ein Zusammenhang zur Familienplanung: Kinderlose Menschen, die mit dem Wohnungs-
angebot sowie den Arbeits- und Verdienstmöglichkeiten in ihrer Region zufrieden sind, gaben häufiger an, inner-
halb der nächsten drei Jahre ein Kind bekommen zu wollen. „Eine leistungsfähige regionale Daseinsvorsorge
kann auch dazu beitragen, dass junge Menschen ihre Kinderwünsche zeitnah verwirklichen möchten“, so Trüb-
ner. Bezahlbarer Wohnraum, gute wirtschaftliche Perspektiven und verlässliche Infrastruktur können damit ge-
rade in Zeiten globaler Unsicherheit zu einer wichtigen Quelle gesellschaftlicher Resilienz werden.

Familienplanung braucht Verlässlichkeit

Die Ergebnisse legen nahe, dass Familienpolitik allein nicht ausreicht, um die Lücke zwischen Kinderwunsch und tatsächlicher Kinderzahl zu verringern. „Entscheidend ist auch, ob junge Menschen mit Zuversicht auf ihre persönliche und gesellschaftliche Zukunft blicken“, meint Bujard. „Politik, Medien und gesellschaftliche Institu-
tionen prägen solche Zukunftserwartungen mit.“ Neben der notwendigen Thematisierung von Krisen kann es daher wichtig sein, auch die Stabilität und Leistungsfähigkeit von Wohlstand, Sozialstaat, Gesundheitsversor-
gung und öffentlicher Sicherheit zu gewährleisten u sichtbar zu machen. Auch Arbeitgeber spielen eine wichtige Rolle: Verlässliche und familienfreundliche Arbeitsbedingungen können mit dazu beitragen, dass sich junge Erwachsene eher für Kinder entscheiden. Wenn der Beruf mit dem Familienleben vereinbar ist und Elternschaft nicht als Karrierehindernis wahrgenommen wird, steigen die Chancen, dass Kinderwünsche nicht nur entstehen, sondern vorhandene Kinderwünsche auch tatsächlich verwirklicht werden.

Quelle:Die Analysen im FReDA Policy Brief „Geburtentief und sinkende Kinderwünsche“
des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung (BiB) basieren auf Daten von FReDA − Das familiende-
mografische Panel. Es handelt sich um eine repräsentative Stichprobe der Wohnbevölkerung von Deutsch-
land. FReDA befragt zweimal jährlich rund 30.000 Personen im Alter zwischen 18 und 55 Jahren.

>>> zur Pressemeldung: „Kinderwünsche und ihre Verwirklichung: Zukunftssorgen, aber auch regionale Lebensbedingungen prägen die Familienplanung“ (externer Inhalt)
>>> zur Publikation: „Geburtentief und sinkende Kinderwünsche“ (PDF | 8 Seiten | externer Inhalt)

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