Kinder kriegen in 99 Prozent der Fälle mit, wenn ihre Mutter Gewalt erfährt - eien kleienr Junge hält sich die Ohren zu
Symbolbild - © Nano Banana pro

Kinder kriegen in 99 Prozent der Fälle mit, wenn ihre Mutter Gewalt erfährt

Aus Studien wissen wir, dass Kinder selbst dann alles mitanhören, wenn sie sich im Nebenzimmer aufhalten. Manchmal schleichen sie sich heraus und sehen es.

Auszug aus einem Interview des RBB mit Nua Ursprung von der Berliner Initiative gegen Gewalt an Frauen:

rbb|24: Das heißt, die Kinder sind unmittelbare Zeugen der Gewaltvorfälle?

Ursprung: Das gibt es oft. Aber ganz häufig sagen Eltern auch, dass die Kinder Gewaltvorfälle gar nicht mitbe-
kommen haben können, weil sie gar nicht zuhause oder im Nebenraum waren. Wir wissen aber aus Studien, dass Kinder, auch wenn sie im Nebenzimmer sind, alles mitanhören. Manchmal schleichen sie sich raus und sehen es. Und sie kriegen auch mit, wenn die Stimmung zwischen den Eltern immerzu angespannt ist.

rbb|24: Wie geht es Kindern, die solche Erfahrungen machen und was brauchen sie?

Ursprung: Kinder, deren Eltern häusliche Gewalt erfahren, tragen selbst schwere psychische Folgen davon. Ih-
re Eltern sind ihre wichtigsten Bezugspersonen – und sollten ihr Schutz in d Welt sein. Wenn diese Eltern selbst nicht sicher sind, können sich auch die Kinder nicht sicher fühlen.

rbb|24: Wie äußert sich das?

Ursprung: In ganz klassischen Symptomen wie Auffälligkeiten in der Schule, Konzentrationsschwierigkeiten, Probleme beim Essen – wie zu wenig oder zu viel essen. Viele isolieren sich und haben wenig Freund:innen. Also Verhaltensweisen, wo man bei einem Kind schon mal nachfragen sollte, ob alles in Ordnung ist.

rbb|24: Gibt es geschlechtsspezifische Unterschiede wie Kinder auf solche gewaltvollen Erlebnisse reagieren?

Ursprung: Mädchen reagieren in der Tendenz eher mit Rückzug und Isolation. Jungs reagieren tendenziell eher mit Aggression und lauten Auffälligkeiten. Das kann sich aber vor allem im Teenageralter noch einmal drehen. Da kommt es häufiger vor, dass auch Mädchen mit Aggression reagieren.

»Kinder, die Gewalt zwischen ihren Eltern mitbekommen, haben später selbst eine viel höhere Wahrscheinlichkeit, ebenfalls gewaltvolle Beziehungen zu führen «

Nua Ursprung

rbb|24: Was brauchen die betroffenen Kinder?

Ursprung: In allererster Linie brauchen diese Kinder ein gewaltfreies Zuhause. Der von der Gewalt betroffene Elternteil – meistens handelt es sich um die Mutter – braucht die Möglichkeit, ein sicheres Zuhause für sich
und die Kinder aufzubauen. Und dann brauchen diese Kinder die Möglichkeit zu langfristiger Beratung und Betreuung, damit sie das Erlebte verarbeiten können. Sie müssen lernen, dass das nichts mit ihnen zu tun hat und sie keine Schuld tragen. Außerdem hilft es ihnen zu wissen, dass sie etwas erfahren haben, was auch ganz viele andere Kinder erleben.

rbb|24: Kriegen denn die betroffenen Kinder im Regelfall die Hilfe und den Austausch, den sie bräuchten?

Ursprung: Leider nein. Wir haben in Berlin, genau wie deutschlandweit, viel zu wenig Ressourcen, um von Ge-
walt betroffenen Frauen und ihren Kindern zu helfen. Es fängt damit an, dass wir viel zu wenig Schutzplätze haben. Die meisten Frauen können sich gar nicht ohne weiteres aus der gewalthaften Beziehung befreien, weil sie gar nicht wissen, wohin. Die Frauenhaus-Plätze sind voll und eine neue Wohnung findet sich auch nicht so leicht.

Zusätzlich gibt es gerade für die Kinder kaum Beratungsangebote, weil nur ganz wenige Beratungsstellen da-
rauf spezialisiert sind, Kinder nach häuslicher Gewalt zu begleiten. Und die, die das können, sind in der Regel unterfinanziert. Natürlich gibt es Kinder- und Jugendpsychotherapeut:innen – aber sie sind auch ständig ausgebucht.

bb|24: Was ist Ihre Handlungsempfehlung für von Gewalt betroffene Mütter?

Ursprung: Es ist ganz wichtig, den Frauen zu vermitteln, dass die Kinder ein gewaltfreies Zuhause brauchen, weil sie auch unter der Gewalt leiden, die ihre Mutter erlebt. Viele Mütter bleiben den Kindern zuliebe in einer gewaltvollen Beziehung, weil sie ihnen den Vater nicht wegnehmen wollen und glauben, dass Kinder beide Elternteile brauchen. Aber das stimmt nicht. Es ist für kein Kind gut, in Gewalt aufzuwachsen. Selbst wenn es für manche Kinder anfangs schwierig zu verstehen ist, warum sie den Vater nicht mehr sehen sollen, ist das langfristig die beste Entscheidung. Die Mütter, die Gewalt erfahren, sollten sich – auch den Kindern zuliebe – unbedingt Unterstützung suchen und versuchen, aus der Situation herauszukommen.

»Viele Mütter bleiben den Kindern zuliebe, weil sie ihnen den Vater nicht wegnehmen wollen und glauben, dass Kinder beide Elternteile brauchen. Aber das stimmt nicht «

Nua Ursprung

rbb|24: Was kann man Menschen aus dem Umfeld der Familien mitgeben – Verwandten, Nachbarn, Lehrer-
innen? In einem Interview zu Femiziden, das wir i Sommer mit Ihnen geführt hatten, haben sie schon gesagt, sich einmischen sei total wichtig. Gilt das auch hier?

Ursprung: Man sollte sich unbedingt einmischen. Und man sollte wirklich lieber einmal zu viel als einmal zu wenig nachfragen. Das nichts damit zu tun, sich in private Angelegenheiten einzumischen. Sondern es kann im schlimmsten Fall Leben retten. Gerade bei Kindern. Wenn Lehrer:innen oder Erzieher:innen von Gewalt zu Hause erfahren, sind sie verpflichtet, sich einzumischen und müssen das Jugendamt alarmieren. Denn wenn Kinder häusliche Gewalt miterleben, ist es immer eine Kindeswohlgefährdung. Es ist also staatlicher Auftrag, sich da einzumischen und die Kinder in Sicherheit zu bringen.

Quelle: Der Rundfunk Berlin-Brandenburg (RBB)
ist die Landesrundfunkanstalt für die Länder Berlin und Brandenburg. Der Sitz des Senders ist in Berlin und Potsdam. Der rbb entstand 2003 durch die Fusion des Senders Freies Berlin (SFB) und des Ostdeutschen Rundfunks Brandenburg (ORB). Er ist Mitglied der ARD.

>>> zum umfangreichen Interview:
„Kinder kriegen in 99 Prozent der Fälle mit, wenn ihre Mutter Gewalt erfährt“ (externer Inhalt)
>>> ergänzender Artikel der Autorin: „Lieber einmal zu viel einmischen“ (extern)

Urheberrechtshinweis
Alle Rechte an dem Interview als auch an dessen Auszug liegen ausschließlich bei der Autorin Sabine Priess als auch bei dem Rundfunk Berlin-Brandenburg (RBB).

Ergänzende Artikel und Informationen (alle Inhalte intern auf kindheit-heute.info)
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