Jung und obdachlos: Straßenjugendliche - obdachloses Mädchen
Symbolbild - © KI-generiert

Jung und obdachlos: Straßenjugendliche erzählen

In Deutschland leben je nach Definition und Stichtag rund 137.000 bis 145.000 Minderjährige ohne festes Zuhause. Fast jeder Dritte von Wohnungslosigkeit betroffene Mensch ist unter 18 Jahre alt.

Auszug aus dem Artikel:

Menschen, die vor Geschäften betteln oder in Hauseingängen schlafen, gehören für viele zum Stadtbild. Die obdachlosen Kinder und Jugendliche bleiben oft unsichtbar. Manche schaffen es zurück in ein geregeltes Leben – und engagieren sich für andere. Zum Beispiel i Essener Projekt „MOMO – The voice of disconnec-
ted youth“, bei dem wir mit fünf Momos über den Alltag auf der Straße gesprochen haben:

„Auf der Straße gibt’s schon Regeln. Die erste: Nicht alleine schlafen. Es gibt immer jemanden, der dich abfackeln will“

Mit 14 bin ich ins Heim gekommen. Mit 17, mein Vater war gerade gestorben, habe ich beschlossen, nie dort-
hin zurückzugehen. Das Jugendamt hat mich in eine Düsseldorfer Notschlafstelle gebracht, den „Knackpunkt“, direkt um die Ecke vom Straßenstrich. Bis heute frage ich mich, wie man ein 17-jähriges Mädchen dort abset-zen kann. Ich habe mich nie prostituiert. Aber ich bin eine Frau, und als Frau bekommt man von Männern viel ausgegeben. Da hatte ich Glück.

„Geh doch nach Hause zu deinen Eltern“

Als ich dann im „Knackpunkt“ Hausverbot bekommen habe, hing ich viel am Düsseldorfer Hauptbahnhof rum. Ich habe getrunken und geschnorrt. Wie oft ich den Spruch „Geh doch nach Hause z deinen Eltern“ gehört ha-
be! Der hat wehgetan, weil ich mir immer dachte: „Wenn ich das könnte, säße ich nicht hier, inmitten einer Grup-
pe Junkies.“

Dabei haben die noch am besten auf mich aufgepasst, sich immer darum gekümmert, dass ich was zu essen und zu trinken hatte – und sich erst einen Schuss gesetzt, wenn ich versorgt war. Auf der Straße, das habe ich von ihnen gelernt, gibt’s schon ein paar Regeln. Die erste: Nicht alleine draußen schlafen, sondern in Gruppen. Es gibt immer Menschen, die dich abfackeln oder abstechen wollen.

Jetzt habe ich eine Wohnung in Essen und hole demnächst meinen Hauptschulabschluss nach. Ich will Er-zieherin werden.

„Straßenjugendliche werden immer jünger. Und es wird immer härter“

Ich komme aus einem kaputten Elternhaus. Mit 14 bin ich das erste Mal auf der Straße gelandet. Ich habe anfangs noch mit dem Jugendamt und der Jugendhilfe kooperiert, aber mit denen bin ich irgendwann nicht mehr klargekommen. Ab meinem 18. Lebensjahr war ich dauerhaft obdachlos. Ich konnte zwar reihum bei Freunden schlafen, habe die Tage aber auf den Straßen verbracht. Und ich habe viele gesehen: in Essen, in Brandenburg, dann in Gera. Ich wollte Abstand von meinem Umfeld. Bis heute habe ich keinen Kontakt zu meiner leiblichen Familie.

Auf der Straße lernst du zu überleben

Ich habe gedealt. Mit Drogen kannte ich mich schon aus: Mein eigener Konsum hat früh angefangen, da ha-
be ich noch bei meinen Eltern gewohnt. Auf der Straße wurden Drogen dann Alltag, um meinen Kopf auszu-schalten und um mich zu finanzieren. Dreimal hatte ich beim Dealen richtig Angst um mein Leben. Aber da draußen gehört das dazu.

Heute versuche ich, so clean wie möglich zu leben, aber ganz ohne geht’s noch nicht. Ich wohne in Essen, kriege Hartz IV und arbeite nebenher; DJ, Musikveranstalter, Promoter, was eben kommt. An die Zeit auf der Straße denke ich oft zurück. Die war hart. Aber bei d Momos bekomme ich mit, dass es immer härter wird
für Straßenkinder.

Sie werden immer jünger 

und es gibt nicht genügend Hilfsprogramme. Die Politik muss anerkennen, dass wir ein Problem jugendlicher Obdachlosigkeit in Deutschland haben. Das wird zu oft runtergespielt, weil es nicht ins Bild eines wohlhaben-
den Landes wie Deutschland passt. Mit den Momos wollen wir ein Warnzeichen setzen. So kann ich später sagen: Wenn schon nicht für meine, dann habe ich wenigstens etwas für die nächste Jugend gemacht.

„Heute male ich mir ein richtiges Spießerleben aus“

Einen Alltag hat man auch auf der Straße: Wenn morgens um neun Uhr die Notschlafstelle dichtmacht, heißt
es erst mal: Kohle organisieren. Also schnorren, klauen, Drogengeschäfte. Dann selbst trinken u rumlatschen, bis zwölf Stunden rum sind und die Notfallstelle wieder aufmacht. Ich bin damals so viel herumgelaufen, dass ich heute Arthrose im Knie habe.

Manchmal habe ich mich in Parkhäuser oder Einkaufszentren gesetzt, wenn ich nicht rausgeschmissen wurde. Die meisten sehen Schnorrer nicht mal an. Man fühlt sich wie der Arsch der Gesellschaft. Aber ich war damals auch ein anderer Mensch. Das erste Mal obdachlos geworden bin ich mit 13. Ab da bin ich auch nicht mehr zur Schule gegangen und habe b heute keinen Schulabschluss. Meine Mutter war Alkoholikerin u hat mich schwer misshandelt. Mit neun war ich das erste Mal im Heim. Ich habe etliche Jugendhilfeprojekte und Wohngruppen mitgenommen, bin aber immer angeeckt. Als ich 13 war, bin ich dort abgehauen, durfte aber noch nicht in die Notschlafstelle. Da habe ich in Sparkassen geschlafen oder mit dem Zelt an der Ruhr. Als ich 14 wurde, bin ich dann in die Notschlafstelle in Essen gekommen, da war ich dann fast zwei Jahre. Irgendwann war ich wieder eine Weile auf der Straße.

Und habe die Wut mit Drogen bekämpft

Insgesamt dreieinhalb Jahre ging das so. Ich war wütend über meine Situation. Und habe die Wut mit Drogen bekämpft. Im Rausch habe ich andere so zusammengeschlagen, dass die ins Krankenhaus mussten. Das be-
reue ich heute. Irgendwann habe ich realisiert, dass ich nicht so weitermachen kann. Ich habe ich mich auf Entzug gesetzt und die Kurve bekommen. Mit 18 hatte ich dann meine erste Wohnung in Dortmund, jetzt woh-
ne ich wieder in Essen. Inzwischen bin ich zufrieden, wenn ich abends mit dem Hund auf der Couch liege und einen Film schauen kann. Aktuell lebe ich noch von Hartz IV und beginne bald meinen Bundesfreiwilligendienst hier in Essen. Ich bin glücklich und male mir ein richtiges Spießerleben aus: hübsche Frau, Kinder, Auto, eine kleine Haushälfte mit Garten, geregeltes Einkommen. Am liebsten würde ich im sozialen Bereich oder als Hand-
werker arbeiten. Mit den Momos will ich anderen helfen, damit ihre Geschichte so ausgeht wie meine. Ich wäre heute nicht mehr hier, wenn ich damals nicht die Hilfe bekommen hätte.

Weiter zu den Protokollen:

>>> „Als Frau ist es auf der Straße noch mal gefährlicher“ (in der Mitte des Artikels)
>>> „Freundschaften gibt es auf der Straße selten – es sind mehr Zweckgemeinschaften“
(Artikelende)

Quelle: fluter
ist ein politisches Magazin für junge Menschen von der Bundeszentrale für politische Bildung (bpb).
Der fluter beleuchtet Hintergründe, zeigt Menschen und ihre Erfahrungen und versucht dabei, viele verschiedene Perspektiven zusammenzubringen – ohne Werbung und in einer Sprache, die verständ-
lich ist.

>>> zum Artikel: „Zieht euch warm an“ (externer Inhalt)

Urheberrechtshinweis
Alle Rechte
an dem Artikel liegen ausschließlich bei der Protokollantin Mirjam Ratmann sowie bei
fluter – dem Magazin der Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn.

Ergänzende Artikel und Informationen (alle Artikel intern auf kindheit-heute.info)
>>> Mitten unter uns: Obdachlose Kinder und Jugendliche in Deutschland
>>> Besonders Kinder und Jugendliche sind in Berlin von Wohnungslosigkeit und Obdachlosigkeit bedroht
>>> Als Streetworker auf den Straßen von Berlin
>>> Wie leben junge Menschen, die wohnungslos oder von Wohnungslosigkeit bedroht sind?
>>> Wohnungslose Eltern mit Kindern

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